Der Anfang ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, daß es so schwer wäre, ihn zu finden – nur die Einbildung, ihn suchen zu

müssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde

drängt sich uns die Frage auf: Wer bin ich? – wir stellen sie nicht; das ist der Grund,

weshalb wir den Anfang nicht finden.

Wenn wir sie aber einmal im Ernste stellen, dann bricht auch schon der Tag an,

dessen Abendrot für jene Gedanken den Tod bedeutet, die in den Herrschersaal

eingedrungen sind und an der Tafel unserer Seele schmarotzen.

Das Korallenriff, daß sie sich mit infusorienhaftem Fleiß im Lauf der Jahrtausende

aufgebaut haben und das wir “unseren Körper” nennen, ist ihr Werk und ihre Brut-

und Heimstätte; wir müssen in dieses Riff aus Kalk und Leim zuerst eine Bresche

legen und es dann wiederum in den Geist auflösen, der es von Anbeginn war, wenn

wir freies Meer gewinnen wollen.

Wer nicht auf Erden das „Sehen“ lernt, drüben lernt er’s gewiss nicht.

Ein Jahrtausend und länger noch haben die Menschen gelernt, das Gesetz der Natur

zu durchschauen und sie sich dienstbar zu machen. Wohl denen, die den Sinn dieser

Arbeit erfaßt und begriffen haben, daß das Gesetz des Innern dasselbe wie das des

Äußern ist, nur um eine Oktave höher: sie sind zur Ernte berufen, – die andern bleiben

ackernde Knechte, das Antlitz zur Erde gebeugt.

Der Schlüssel zur Macht über die innere Natur ist verrostet seit der Sintflut. Er heißt:

WACH SEIN!

Wach sein ist alles.

Von nichts ist der Mensch so fest überzeugt wie davon, daß er wach sei; dennoch ist

er in Wirklichkeit in einem Netz gefangen, daß er sich selbst aus Schlaf und Traum

gewebt hat. Je dichter dieses Netz, desto mächtiger herrscht der Schlaf; die darin

verstrickt sind, sind die Schlafenden, die durchs Leben gehen wie Herdenvieh zur

Schlachtbank, stumpf, gleichgültig und gedankenlos. Die Träumenden unter ihnen

sehen durch die Maschen eine vergitterte Welt, – sie erblicken nur irreführende

Ausschnitte, richten ihr Handeln darnach ein und wissen nicht, daß diese Bilder bloß

sinnloses Stückwerk eines gewaltigen Ganzen sind. Diese »Träumer« sind nicht, wie

du vielleicht glaubst, die Phantasten und Dichter – es sind die Regsamen, die

Fleißigen, Ruhelosen der Erde, die vom Wahn des Tun’s Zerfressenen; sie gleichen

emsigen, häßlichen Käfern, die ein glattes Rohr emporklimmen, um von oben –

hineinzufallen.Sie wähnen wach zu sein, aber das, was sie zu erleben glauben, ist in

Wahrheit nur Traum, – genau vorausbestimmt im kleinsten Punkt und unbeeinflußbar

von ihrem Willen.

Wach sein ist alles.

Der erste Schritt dazu ist so einfach, daß jedes Kind ihn tun kann; nur der Verbildete

hat das Gehen verlernt und bleibt lahm auf beiden Füßen, weil er die Krücken nicht

missen will, die er von seinen Vorfahren geerbt hat.

Sei wach bei allem was Du tust! Glaub nicht, daß Du’s schon bist. Nein, Du schläfst

und träumst.

Stell Dich fest hin, raff Dich zusammen und zwing Dich einen einzugen Augenblick nur

zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: “JETZT BIN ICH WACH!”

Gelingt es Dir, das zu empfinden, so erkennst Du auch sogleich, daß der Zustand, in

dem  Du Dich eben noch befunden hast, daneben wie Betäubung und

Schlaftrunkenheit erscheint.

Da ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von Knechttum

zu Allmacht.

Auf diese Art geh vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen.

Es gibt keinen quälenden Gedanken, den Du damit nicht bannen könntest; er bleibt

zurück und kann nicht mehr zu Dir empor; Du reckst Dich über ihn, so wie die Krone

eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst.

Die Schmerzen fallen von Dir ab wie welkes Laub, wenn Du einmal so weit bist, daß

jenes Wachsein auch Deinen Körper ergreift.

Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der Jünger

Buddhas und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen Fakire, um nicht

einzuschlafen – sie alle sind nichts anderes als erstarrte äußerliche Riten, die wie

Säulentrümmer dem Suchenden verraten: Hier hat in Vorzeit ein geheimnisvoller

Tempel des Erwachenwollens gestanden.

Lies die heiligen Schriften der Völker der Erde: Durch alles zieht sich wie ein roter

Faden die verborgene Lehre vom Wachsein – es ist die Himmelsleiter Jakobs, der mit

dem Engel des Herrn die ganze “Nacht” gerungen hat, bis es “Tag” wurde und er den

Sieg gewann.

Von einer Sprosse immer hellern und hellern Wachseins zur anderen mußt Du steigen,

wenn Du den Tod überwinden willst, dessen Rüstzeug Schlaf, Traum und Betäubung

sind.

Schon die unterste Sprosse dieser Himmelsleiter heißt: Genie; wie erst sollen wir die

höheren Stufen benennen! Sie bleiben der Menge unbekannt und werden für

Legenden gehalten.

Auf dem Wege zum Erwachen wird der erste Feind, der sich Dir entgegenstellt, Dein

eigener Körper sein. Bis zum ersten Hahnenschrei wird er mit Dir kämpfen; erblickst

Du aber den Tag des ewigen Wachseins, der Dich fernrückt von den Nachtwandlern,

die da glauben, sie seinen Menschen, und nicht wissen, daß sie schlafende Götter

sind, dann verschwindet für Dich auch der Schlaf des Körpers, und das Weltall ist Dir

untertan.

Dann kannst Du Wunder tun, wenn Du willst, und mußt nicht wie ein wimmernder

Sklave demütig harren, bis es einem grausamen Götzen gefällig ist, Dich zu

beschenken oder – Dir den Kopf abzuschlagen.

Freilich, das Glück des treuen, wedelnden Hundes, einen Herrn über sich zu kennen,

dem er dienen darf – dieses Glück wird für Dich zerschellen; aber frag Dich selbst,

würdest Du als der Mensch, der Du jetzt noch bist, mit Deinem Hunde tauschen?